Verein für Höhlenkunde in München e.V.

Unsere schöne Höfo - Welt

(Meine Gedanken kreisen oft um Stephan Bunk, den ich als Freund und Kameraden schätze.)

Prolog: Höhlen und Höfos

Höhlen sind oft dreckig, ohne Licht, nie extrem kalt, manchmal mit Wind und - außer am Wasser - ohne Geräusche. Sie bieten interessante Raumformen, bizarre nie gesehene Sinterformationen und Gebiete an denen vorher noch nie ein Mensch war. Diese fremdartige ferne Welt, oft ohne Möglichkeit auf Hilfe von außen, erfordert physische und psychische Stärke.

Einige Zeit schon hatte ich mir den Kopf zerbrochen, wie die Besessen-, gar Verrücktheit, einiger meiner Mitmenschen zu Höhlen erfasst oder gar gemessen werden könnte. Es kam mir die Idee einer Skala nach Punkten, „Bunkte“!

Eingezwängt in kalte Wände kriecht der Höhlenforscher, kurz Höfo, durch ein enges feuchtes Loch. Dreckig liegt sein Körper im nassen Lehm, die Kleidung durchnässt. Es herrscht völlige Dunkelheit und es ist leicht zugig. Unter diesen Bedingungen auch noch Spaß und Freude zu entwickeln, dafür verdient er seinen ersten Bunkt. Darüber hinaus gibt es Höfos, die von Leidenschaft erfasst exhibitionistisch ihre troglophile Neigung der Öffentlichkeit darstellen. Auf einem virtuellen Spaziergang, exemplarisch auf http://www.caveseekers.com/ finden sich hinterlegte Persönlichkeitsprofile. Wesentlich für die Erreichung eines zweiten Bunktes ist, dass sich die veröffentlichten Äußerlichkeiten deutlich von der gesellschaftsfähigen Norm unterscheiden. Vom Hohlraum überdurchschnittlich begeisterte Menschen, die durch Ihr Lebenswerk und Ihr Vorbild versuchen, Mitmenschen mit der Hohlraumsucht zu infizieren, qualifizieren sich für maximal drei Bunkte.

In meiner Gedankenwelt brauchte es nun zwei Bunkte Abstand um eine maximale Steigerung der Entrücktheit aus der Welt mit der gebührenden Ehrfurcht herauszustellen: 5 Bunkte. Ein kaum erreichbares Maß, falls jemals vergeben, ein Zeichen an die Welt.

Erstes Kapitel: Tag 1

„Verstehen Sie?“ Meine Mitfahrer Robert, Zsolt und Michi mussten sich stundenlang  Zitate aus dem Buch „Direkt-Karriere“ rezitieren lassen. Es ging um unseren Alltag, der bekanntermaßen weitestgehend in der Firma verbracht wird. Endlich verstanden wir das Prinzip der Arbeitswelt. Die Lehre lautet „Spielen Sie effektiv verrückt“.

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Acht Stunden später erreichten wir den „Fast roten Frosch“. Das Schild am Eingang der Unterkunft verkündete FREMDE SIND NICHT WILLKOMMEN. Wir standen in einen Dorf, nur erreichbar über kleine Straßen, irgendwo im Nirgendwo nahe der Hauptstadt. Im Haus Bücher über Hexerei. Ein Liebeszauber viel mir ins Auge. Praktisch, denn wir vier haben keine oder unklare Beziehungen. Zauber könnten vielleicht helfen, sicher unkomplizierter als schwierige Diskussionen mit einer Frau. Grüne dicht bewaldete Hügel umgaben den Ort, der aus länglichen Häusern, mit der Stirnseite zur Strasse, bestand. Auf dem Weg zu unserem Kontakt war es trocken, fast heiß. Hunde bellten hinter nahezu jedem Zaun. Einwohner waren nicht zu sehen. Im Garten ein Brunnen mit Eimer, zum Drehen eine Welle mit einen fast einen Meter durchmessenden gusseisernen Rad. Walnussbäume, die ihre Früchte auf den Boden verloren hatten. Am Eingang der Scheune hingen Peperoni.

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Auf den Boden in der Scheune eine Isomatte und ein Schlafsack. Kein warmes Wasser, nur ein Wasserhahn an einem Waschtrog, keine Toilette im Haus, auch kein Ofen. Ein grob gehauener Tisch, die Schränke voller Ausrüstungsgegenstände zur Befahrung von Höhlen. 30€ Miete, so wohnt unser Freund, Vollbart und langes Haar, inmitten eines verwilderten Gartens. Der völlig verrostete Bus sollte uns zur Höhle, welche nach ihrem Gebirge benannt ist, bringen. Weigerung zwecklos, nur der Bus hat die Genehmigung des Nationalparks. Bei atemberaubender Fahrt bergan schlug der Boden mehrfach auf. Wir versuchten uns an den Ausrüstungsgegenständen festzuhalten. Gurte zur Sicherung wurden inständig herbeigewünscht. Allein es blieb die Hoffnung, der Bus würde in der Spur bleiben.

Die Höhle, weitgehend tropfsteinlos, verfügte über knackige Engstellen. Beim Einschlufen abwärts war schon klar, ohne Hilfe kein Rückweg möglich.

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Ein Höfo probiert den Rückweg trotzdem. Kopf seitlich über die Schulter nach rechts gedreht, das rechte Bein im Spagat nach oben, mit dem linken Ellbogen abgestützt, drückt sich der Rumpf nach oben. Jetzt muß der Ellbogen 15 cm höher, das linke Bein hängt wertlos frei im Raum, kein Tritt. Es folgt der verzweifelte Akt mit eingeatmeten Bauch und herausgestreckten Po eine Klemmwirkung zu erzielen um den Oberkörper rechts seitlich nach oben zu biegen. Funktioniert natürlich nicht. Dafür strengt der Versuch enorm an. Das Ziel nach links aus dem Spalt heraus in eine 2,5 Meter hoch liegende kleine Öffnung einzufädeln schlägt fehl. Bunkt, nichts zu machen. Zsolt wird gerufen, das linke Bein abzustützen.

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Bei Nacht wieder heraußen, bestiegen wir den Bus. Es ging bergab, da braucht es keinen Antrieb oder Beleuchtung. Den Motor anzulassen wäre mangels Lichtmaschine und daher chronisch schwacher Batterie ohnehin schwierig. Trotz Wald konnte in kurzen Abständen der Forstweg im Mondlicht erkannt werden. Vor einer zu querenden Hauptstrasse reichte kurzes Aufblenden, um die nicht aufhaltbare Vorfahrt abzusichern. Ohne Reduzierung der Geschwindigkeit rollten wir bis an die Gartenzufahrt und schoben den Bus in die Einfahrt. Ein Beitrag zum Benzinsparen.

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Am Ende von Goethes Erlkönig ist das Kind tot. Wir dagegen hatten glücklicherweise diesen ersten Tag überlebt. Unser Freund kratzte scharf an meinen imaginären 5 Bunkte Superlativ. Beim gemeinsamen Bier waren wir uns sicher, er spinnt schlimmer als wir.

Zweites Kapitel: Tag 2

Keine Krankenversicherung. Warum auch? Wir versicherten uns gegenseitig, dass Ärzte am verletzten Auge nichts richten könnten. Ein Ast war bei der wilden Hatz gestern Nacht von der Höhle zum Bus im Weg. Ein Taschentuch vor das Auge gehalten wirkt sicher auch. Deshalb ging es nun einhändig und mit nur einem Auge im motorisierten Seelenverkäufer bergan in den Nationalpark.

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Nach abenteuerlicher Geländefahrt mussten wir steil zu Fuß etliche Höhenmeter bergab zur Geschenkhöhle steigen.  In den sechziger Jahren schenkte jemand seinem Ort,  eher zufällig indem er durch morsche Bretter brach, 2 Maschinengewehre. Diese wurden sogleich im Dorf ausprobiert. Erst die herbeieilende Polizei beendete die fröhliche Schiesserei. Gegen Ende des zweiten großen Krieges war der Gebirgszug heftig umkämpft. Die Einwohner stemmten sich gegen die herannahende feindliche Armee. Der Wald riecht nach Wild. Blindgänger sind jedoch einfacher zu finden. Vermutlich, weil diese nicht weglaufen.

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In der Höhle brach ich versehentlich meinen ersten Tropfstein ab. Mir ging es schlecht, konnte ich nun nicht mehr auf andere Grobmotoriker fluchen. Völlig unadaptiert an Höhlen fühlte ich mich, als zuerst ich, dann Robert und schließlich Michi nicht durch ein Loch passen wollten, welches die beiden Anderen sofort nahmen. Körpergröße ist im Loch von Nachteil, zumindest manchmal. Es erfolgte ein schneller Rückzug. Schnellstmöglich sollte die Schmach wettgemacht werden. Ohne Mittagspause ging es auf zum nächsten Objekt.

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Schwer beeindruckend war die Panzerfalltüre der Höhle, benannt nach einem Heiligen. Etwa 40 auf 40 Zentimeter, mit einer Dicke von 18 Zentimeter, 15 Millimeter starker Stahl zu einem dicken ausbetonierten Türblatt verschweißt. Etwa 50 Kilogramm Gegengewicht unterstützten das Öffnen. Darunter ein Schacht. Unser Freund stürzte vor Jahren in dieser Höhle um 8 Meter ab, brach sich einen Arm und ein Bein. Er kletterte allein wieder den Schacht heraus, immerhin 45 Meter hoch. In der Höhle fand sich überwiegend Lehm. In Aussicht gestellte Tropfsteine erreichte ich nicht, weil ich wahrhaftig mit den Stiefeln stecken bleib. Ich probierte es auf der Ferse, auf Zehenspitzen, irgendwie. Als ich eine Lehmplatte mit meinem linken Fuß aus dem Boden riss, gab ich auf. Zehn Kilo Lehm am Stiefel für einen einzigen Schritt sind zu ermüdend.

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Michi kam mit einem Marmeladenglas zurück an die Oberfläche. Wir deponierten es unter meinem Sitz. Der Bus roch nach Benzin. Aus den im Bus gelagerten Kanistern war gerade nachgetankt worden. Ich erfuhr, dass der Fahrzeugtank nicht mehr als 10 Liter halten kann, er hat einen Riss. Wen wundert es? Mich zumindest überraschte mittlerweile auch nicht, dass sich im Glas der Inhalt aufgesägter gefundener Granaten befinden sollte.

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Schwer gepanzerte Höhlenverschlüsse mit dicken ausbetonierten Deckeln finden sich im Umfeld auch an weiteren Höhlen. Hierfür gibt es nun eine Erklärung, nur ein Gerücht: Blindgänger seien in den Beton der schweren Stahlkonstruktionen eingelassen. Ein heißer Bohrer dürfte dann einiges bewirken.

Es ging die Forststrasse ohne Motor bergab, einhändig, einäugig. Ich hoffte inständig auf gesunde Rückkehr ins 5 Kilometer entfernte Dorf und verspreizte mich im Auto.

Zum Abendessen erschien unser Freund mit einer Überraschung. Trotz der ihm von uns zugedachten sicheren 5 Bunkte, war er in Begleitung einer wirklich hübschen Freundin. Sie teilt mit ihm sein einfaches Leben.

Er hat uns etwas voraus. Nur was?

Drittes Kapitel: Tag 3

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Am Morgen witzelten wir, welche Verrücktheit uns heute nun erwarten würde. Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Zum Ort und der malerisch verwunschenen Gegend passte der abgelehnte Vorschlag unserer rothaarigen Wirtin, wir sollen einen magischen Energiepunkt in der Gegend aufsuchen. Erdstahlen wirken dort. Nun waren wir auf den Tag eingestimmt.

Eine Schweißerbrille zum Schutzgasschweißen, mit extrem dunklen Gläsern, schützten heute beide Augen des Fahrers. Durch fast völlige Dunkelheit war das noch immer gerötete Auge ruhig gestellt. Immerhin waren nun beide Hände am Steuer. Mir kam die „Wilde Maus“ in den Sinn, als es heute abseits jeder Piste durch den Wald ging. Die „Wilde Maus“ ist ein Fahrgeschäft, eine kleine Achterbahn, in der die Wägelchen erst herumgerissen werden, wenn die eigentliche Kurve schon überfahren ist.

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Das geht mit dem Bus genauso: Zurasen auf einen Baum. Kurve, der Radius ist jedoch nur möglich, wenn das Hinterteil des Busses herumgedrückt wird. Dies unterstützen Bäume auf der Kurveninnenseite. Das ist auch die Erklärung, warum die Schiebetür des Busses nicht funktioniert. Warum habe ich nicht schon früher den Zusammenhang erkannt?

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In einem entlegenen Waldstück angelangt, am Fuß einer Steilwand, kleideten wir uns um. Es ging in die Höhle des Beutejägers, die größte Höhle der Gegend. Lange Schlufstrecken und ausgesetzte Spalten ließen die Höhle zu einer physischen und psychischen Herausforderung werden. In der Höhle finden sich auch zwei große Hallen, sicher an die 40 Meter lang, etwa 15 Meter breit und 20 Meter hoch. Ich lernte eine neue Methode um kurze Strecken abzuseilen. Einfach das Seil zweifach um den Arm geschlungen und 8 Meter runter. Dass es dabei den Arm fast ausreißt ist Nebensache. In der Höhe, erst mal frei hängend, lässt man nicht mehr freiwillig los. Es muss dringend der Dülfersitz geübt werden, die vermutlich bessere Methode ausschließlich mit dem Seil ohne Abseilgeräte abzufahren.

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Er spielte Flöte, in der größten Halle mit deren wunderbaren Tropfsteinformationen, als wir alle das Licht gelöscht hatten. 15 Minuten, die, so wünschte ich mir, nicht enden sollten. Unser Freund spielte emotional ergreifende Melodien, wunderbar brach sich der Ton in dem natürlichen Konzertsaal. Außer den Flötentönen herrschte völlige Ruhe, es war ruhiger als auf den Konzerten in der Großstadt, die ich bislang besuchte. Dort raschelt irgendwer doch immer oder der Raum erzittert weil U-Bahn oder LKW vorbeidonnern. Nichts von alledem hier, nur absolute Dunkelheit und Ruhe.

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Robert weinte als der letzte Ton verklang und wir wieder die Lichter schalteten. Ich nahm ihn in den Arm. Abreisen und heim, wollte in diesen Moment wohl auch der Michi nicht mehr.

Epilog: Tag 4

Das auf der Hinfahrt zitierte Buch hatte ich tief im Schleifsack vergraben. Dennoch gingen mir die Zeilen im Kopf herum. Business-Manager seien erfolgreiche Psychopathen und die Kranken oder Eingewiesenen lediglich erfolglose Psychopaten. Seitenweise enthält es Erklärungen über die Verrücktheit unserer Managementsysteme.

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Aus einer gewissen zynischen Grundhaltung heraus wird mir auf der Heimfahrt verständlich, was mir bislang unverständlich blieb:

5 Bunkte für die Welt, unser Freund ausgenommen.

Ein letzter Tipp aus dem Managementratgeber für alle Hiergebliebenen:„Spielen Sie mit.“