Verein für Höhlenkunde in München e.V.

Hirlatzhöhle – Besuch der Sahara

Der Weg hinaus

Tag 2 - später Nachmittag

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Die Halle der Sahara wartete mit weichstem und feinstem Sand auf, in dem wir 20 Zentimeter versanken. Der Raum war mit, laut Beni 80 Meter Breite und 120 Meter Länge, nicht zu überblicken. Auch die Höhe konnte ich nicht schätzen, die Scurion erreichte keine Decke. Die Engländer bohren sich irgendwo in über 300 Meter Höhe weiter nach oben. Angeblich bei kräftigem Luftzug, ein gewaltiger Schlot. Dieses Jahr waren sie noch nicht da. Wir sahen jedoch ihre Flaschen für die Postsiphonforschung nach der Oase, ein Siphon, der sich an die Sahara anschließt. In der feuchten Höhlenkälte oxidiert das Material vor sich hin. Daneben hingen Seile und Taucherflossen an einem Seil.

 

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Statt der von Herbert geschätzten 1 ½ Stunden waren wir nun doch über 3 Stunden unterwegs. Wir waren folglich über 6 Stunden vom Biwak und mehr als 10 äußerst anstregende Stunden vom Ausgang, entfernt.

Was, wenn hier ein Unfall passiert? Meine Gedanken kreisten. Vermutlich würde es 2 bis 3 Tage dauern, bis ein Arzt zur Sahara käme.

Was bräuchten wir in der Zwischenzeit? Ich überlegte.

Einen Schlafsack zur Bekämpfung der Kälte und zum unmittlbaren Lebenserhalt, Tramal zur Bekämpfung aller Schmerzen, Tavor zur Bekämpfung der Ohnmacht, angesichts der unweigerlich aufkommenden Beklemmung und Angst beim untätigen Liegen des Patienten in Stille und absoluter Dunkelheit. Tramal hatten wir zumindest ein wenig bei uns, wenn auch nicht genug. Tavor eine Tablette. Penicillin zur Bekämpfung von Infektionen, beispielsweise bei einem offenen Bruch, fehlte. Auch nur einen Schlafsack hatten wir dabei. Zumindest würde der Patient warm liegen, nicht jedoch sein Kamerad. Erst in 12 Stunden könnten Lebenmittel und ein weiterer Schlafsack vom Biwak eintreffen. Wir werden nachbessern müssen! Und überhaupt, kämen wir durch die Engstellen zurück, oder müßte das Krankenhaus zu uns?

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Ich verdrängte jeden weiteren Gedanken. Am Biwakplatz in der Sahara schossen wir ein Gruppenbild. Der Betrachter blickt in die gut gelaunten Gesichter von Männern und einer Frau, die wissen, dass sie mehr als 6 Stunden vom bescheidenen Komfort des Biwaks entfernt sind und dass es auch dort keine Toilette gibt.

Vor dem Aufbruch gingen wir noch etwa 50 Höhenmeter zur Oase. Vor dem abwärts führenden Tunnel passierten wir die Tauchflaschen in rostigem Zustand und gelangten bis zum Siphon. Jenseits der Wasserfläche geht es großräumig weiter. Eine Umgehung war bis zum Zeitpunkt dieses Berichts nicht gefunden.

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Meine besorgten Gedanken zerstreuten sich nach der "fränkischen" Engstelle. Nun könnte eine Trage zumindest ankommen. Der Aufstieg an dem 6-Meter-Seil bereitete keine Probleme. Der Abstieg vom Grünkogelsiphonüberstieg schickte nochmal Adrenalin in meine Adern. Mit der erprobten Abseiltechnik, das Seil um den Arm, gelang mir die Überwindung der Schlüsselstelle auf 1/3 der Höhe problemlos. Wie Perlen auf der Kette kamen meine Kameraden die Wand herunter.

Mit drei Filmen wurde unser Rückweg dokumentiert, der Grünkogelsee, der Jalot und ein Aufstieg aus einem Gang, diesmal nach rechts weg, die Herbertsche Regel - "immer links" - sinngemäß angewandt.

 

Zurück sollte es schneller geben. Gefühlt dauerte es zurück dagegen unglaublich lang. Noch ein Gang und noch eine Kurve, dennoch fiel die Anspannung von uns allen mit der Annäherung zum Biwak ab. Der warme Schlafsack rief und es würde im Biwak Essen geben. Unser Schritt verlangsamte sich, um zu Fotografieren; es wuchs auch die Liebe zum Detail.

Nachstehend einige Bilder vom Rückweg.

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6 Stunden nach dem Abmarsch aus der Sahara waren wir zurück am Biwak. Nie schien mir ein Platz heimeliger.

 

Tag 3

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Nach einer gemütlichen Nacht machten wir uns am vermuteten Morgen auf den Weg nach draußen. Wieder gingen wir in mehrere Gruppen, wobei ich mich mit Johanna allein auf den Weg machte. Später hörte ich, das Berti und Zsolt, die sich noch die Grabung am Ende des Geistermandl-Gangs ansahen, die Sprengstelle im Boden übersahen und Richtung Ferner Osten unterwegs waren. Sie bemerkten ihren Fehler schnell, denn der Weiterweg führt anstrengend bergauf. Zurück geht es jedoch überwiegend steil abwärts.

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Der Abstieg bot mir ungewohnte Tiefblicke. Einmal fand ich nicht auf Anhieb den Weiterweg, der Weg schien im Nichts eines Schachtes zu enden. Ich erinnerte mich an den Sims, der mir schon beim Aufstieg auffiel. Wir mußten nach rechts queren. Die erste Gruppe holten wir am Pendler ein. Am Kopf des 60 Meter Schachtes warteten wir ab, bis Peter fertig fotografiert hatte. Zusammen gingen wir zurück zum Zubringer.

Von dort gingen Johanna und ich als erste Richtung Ausgang. Auf dem Rückweg holten uns Berti und Michi kurz vor dem Höhlenausgang ein. Jo posierte noch vor dem schönen Eisfall im Eingangsteil.

 

Wir trugen uns aus dem Höhlenbuch aus. Draußen regnete es. Gerade als wir das Schneefeld unter der 1000m hohen Hirlatzfelswand gequert hatten, ereignete sich ein gewaltiger Eissturz. Wir sahen ihn wegen Nebel und Wolken nicht, hörten ihn aber relativ nahe bei uns im Bereich des Hangs vor dem Höhleneingang einschlagen, den wir jedoch schon hinter uns hatten. Doch das sollte nicht das einzige gefährliche Ereignis des Wochenendes bleiben: Als Johanna den Parkplatz betrat, stürzte sie auf dem eisglatten Boden und schlug mit dem Hinterkopf auf das Eis. Gut, dass der Helm sie noch schützte.

Welch eine Ironie, angesichts der bewältigten Befahrung mit all ihren körperlichen und geistigen Herausforderungen, die die Höhle für uns bereit hielt!