Verein für Höhlenkunde in München e.V.

Ulrike Munninger

Vor kurzem wurde hier von einem von uns (Toni Müller) ein Bericht über die Kometenausstellung in Traunstein eingestellt. Die Ausstellung ist zwar inzwischen schon wieder vorbei, aber ich möchte doch die Gelegenheit zu einer Entgegnung ergreifen.
Eine phantastische Vorstellung wurde und wird dort von einer Forschergruppe propagiert:
Ein Komet soll im Chiemgau vor etwa 2500 Jahren eingeschlagen haben und unter anderem den Tüttensee (einen annähernd runden, ca. 400m breiten See östlich des Chiemsees) und einige Bruchspuren im Sinter von umliegenden Höhlen erzeugt haben.

Da ich sowohl karstkundliches und geomorphologisches als auch astronomisches Interesse habe (UND im Chiemgau wohne), habe ich mich schon seit Längerem in die entsprechenden Veröffentlichungen eingelesen. Ich muss zugeben: Eine spektakuläre Vorstellung, und natürlich viel attraktiver als die herkömmliche Interpretation, nach der es sich beim Tüttensee einfach um ein Toteisloch handelt, wie es sie zigmal in der Gegend gibt.

Mit der Zeit sind mir aber so viele Ungereimtheiten an der Kometenhypothese aufgestoßen, dass ich immer skeptischer wurde. Zu meinen eigenen Recherchen kam, dass ich vor kurzem einen Vortrag in der Fachhochschule Rosenheim über Meteoriten hören konnte, bei dem der Referent auch kurz auf die Chiemgau-Kometen-Hypothese einging. Vieles, was ich mir vorher schon gedacht (und angezweifelt) hatte, wurde da bestätigt, Außerdem habe ich auch Neues dazugelernt, und alles zusammen hat mir den Glauben an den Kometen vollends ausgetrieben.

Ich fasse mal in aller Kürze ein paar meiner Einwände zusammen (weil ich einfach finde, dass auf unserer Website neben dem Bericht über die Ausstellung auch die andere Sichtweise erwähnt werden sollte):

1) Das CIRT (Chiemgau Impakt Research Team; so nennt sich die Gruppe, die den Kometen propagiert), konnte bisher kein einziges Fundstück vorlegen, das auf einen Impakt hindeutet. Alle Fundstücke und Materialien, die Forscher außerhalb der Gruppe zu sehen bekamen, konnten zweifelsfrei einer anderen Entstehung zugeordnet werden.

2) Der Tüttensee weist eine ungestörte Torfschicht auf, die in ihrer untersten Lage auf ca. 12.000 Jahre datiert werden konnte – das passt genau zum Ende der Eiszeit, als sich die Gletscher aus dem Gebiet zurückzogen, Toteislöcher entstanden und die Torfmoose zu wachsen begannen. (Dazu gibt es eine Untersuchung des LfU).

3) Es gibt auf der ganzen Welt keinen nachgewiesenen Meteoriteneinschlag, der ein so riesiges Kraterstreufeld (angeblich 80 km lang und 27 km breit!) erzeugt hat, selbst wenn viel größere Einschlagskörper als der angebliche Chiemgau-Komet beteiligt waren. Die anderen Streufelder haben Abmessungen von maximal einem Kilometer Länge und einer Breite von wenigen Hundert Metern (wo soll denn auch der seitliche Bewegungsimpuls herkommen, der die Bruchstücke aus der Bahn des Kometen schleudert? Physikalisch nicht erklärbar!)

4) Der Einschlag soll vor geologisch extrem kurzer Zeit (vor ca. 2500 Jahren) passiert sein. Warum sieht man dann nicht mehr davon? Der Meteorit, der den Rieskrater erzeugt hat, kam vor 15 Millionen Jahren runter, und man sieht die Spuren noch sehr viel deutlicher als die im angeblichen Einschlagsgebiet im Chiemgau.

5) Und die Abscherungen von Tropfsteinen: Ich weiß zufällig noch aus meinem Studium recht genau, dass das Laubensteingebiet in der letzten Eiszeit vergletschert war. Man kann heute die Moränen um die Frasdorfer Hütte noch sehr gut sehen (nachzulesen u.a. in den „Erläuterungen zur geologischen Karte“; unser Klaus Cramer war übrigens als Mitautor daran beteiligt).
Also waren auch die Höhlen eisgefüllt. Und was mehrere Tausend Jahre Eis, Eisbewegung, Tauen und Wiedergefrieren mit Gestein (also auch Sinter) machen können, wissen wir doch alle ganz genau. Dazu braucht es wahrhaftig keinen Kometen.

Das lag mir jetzt am Herzen – ich freue mich, wenn ihr das durchgelesen habt, und bin natürlich gern bereit, weiter zu diskutieren! Über die unten stehende Mailadresse könnt ihr mir schreiben.

Eure Ulli

Einige Links zum Nachlesen:

http://www.lfu.bayern.de/geologie/meteorite/doc/tuettensee.pdf
http://www.lfu.bayern.de/geologie/doc/blockbilder_entstehung_des_tuettensees.pdf
http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2011/05/20/offener-brief-zum-chiemgauimpakt/

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