Verein für Höhlenkunde in München e.V.

Text von Toni Müller: Fotos - Toni / Elisabeth

Allein der Name "Schleierfälle" klingt bereits irgendwie geheimnisvoll verlockend. Man wird direkt neugierig! Zu recht!

Diese stetig wachsenden Kalktuff-Überhänge im Ammertal stellen ein außerordentliches Phänomen dar. Knapp oberhalb im linken Hang der Ammerschlucht nahe Bayersoien, treten sehr kalkgesättigte Quellen aus. Mit Temperaturen, immer über 3-4° Grad, (mindestens!) also entsprechend der geographischen Jahresmitteltemperatur. Das heißt konkret: Wegen ihres überaus kurzen Oberflächenverlaufes haben im Winter die Quellwässer zu wenig ZEIT und Strecke, um sich ausreichend bis zum aktuellen Gefrierpunkt herunter zu kühlen. Es rieselt im Sommer ausgesprochen kühl und im Winter entsprechend zu warm über die Kalksinterüberhänge. Dadurch wird der gesättigte Kalk in den Moospolstern, Farnen und anderer Vegetation sowie gefallenem Laub 'ausgesintert'. Im steten Prozess am Überhang Nischen und Höhlungen ausbildend. Und dies seit der letzten, abgelaufenen Eiszeit vor gut 11 000 Jahren. Wenn nun die Kalktuffvorhänge zu wenig 'stützende' und 'tragende' Vorhänge und Säulen ausgebildet haben, dann krachen schließlich gewaltige Tuffblöcke in die nahe Ammer am Fuß der "Schleierfälle", welche schließlich diese Blöcke bei Hochwasser entsorgt... In ihnen enthalten sind Moose, Buchenblätter, Ahornblätter und sonstige Vegetation vom Kalk umschlossen, in ihrem 'Abdruck' versintert und so über lange Zeiten gut erhalten geblieben.

Heute ist die Region streng unter NATURSCHUTZ gestellt!

Kommen wir zum WinterEIS! Da ich in der näheren Umgebung (Altenau) aufgewachsen bin, so befand sich diese schöne Gegend innerhalb von meinem Fußgänger- und Radlerbereich. Ich war spätestens mit 6 Jahren bereits zum ersten Mal da. Und: Die 'Alten' im Ort schwärmten immer wieder von fantastischem Eis hier im Winter, das es nur bei wirklich lang-anhaltendem und sehr knackigem Frost gab, so wie etwa in den 1950er-Jahren!! Das macht 'neugierig’!

Schließlich war ich wieder einmal bei großer Kälte vor Ort. Es dürfte im selben Winter gewesen sein, als auch der riesige Bodensee bei der sogenannten >Seegfrörne< komplett mit einer dicken, begehbaren Eisschicht zugefroren war. (Das muß 1963 gewesen sein!) Derart, daß sogar Roß und Reiter zwischen der Schweiz und Schwaben hin- und herpendelten. Traditionell wurden auch offizielle Prozessionen von und zu den jeweils gegenüberliegenden Nachbarländern durchgeführt.... Dies geschieht einmal etwa alle 100 Jahre!!

Ich war, die damalige, außerordentliche, 'sibirische' Kälte nützend, zusammen mit einem norwegischen Schnitzschüler in der Ammerschlucht unterwegs. Allen anderen Freuden war das einfach zu kalt gewesen. Wir waren von Süden her kommend zunächst zur "Scheibum" marschiert. Hier in der Schlucht war bereits die reißende Ammer tragbar zugefroren. Wir konnten dieses enge Felsentor unbesorgt auf dem Eis überschreiten. Auch die ganze, nachfolgende Schlucht konnten wir mehrmals die Seite wechselnd auf dem tragbaren Eis hinunterwandern. So kamen wir ungehindert zu den "Schleierfällen". Fantastische Eisvorhänge überkleideten alle Tuffüberhänge mit einem gewaltigen Eispanzer. Zum Staunen schön!

Die Tageszeit wurde knapp - Rückweg!

Unterwegs brach mein norwegischer Begleiter nach unten in die Ammer durchs Eis ein. Bis zu den Hüften.... Ab da wurde es hart!! Bis zu mir nach Hause waren es noch gut 6 km weit im tiefen Schnee zu gehen. Seine nasse und zum Panzer gefrorene Kleidung 'knirschte' wie Glas bei jedem Schritt. Schließlich wurde von meiner Mutter im Haus ein total unterkühlter, im Moment seehr zahmer Wikinger wieder aufgepäppelt!! Diese bayerische EISTOUR wird der Roland aus Norwegen, sicher nie mehr vergessen haben...!

Ich auch nicht!

Es kam in den frühen 1980er-Jahren noch einmal eine sehr 'eisige' Zeit. Viele Wochen lang. Wieder war ich in der Ammerschlucht um endlich einige gute Fotos zu machen. Alles wunderbar, doch den sagenhaften Eisstand von 1963 habe ich nie mehr wieder gesehen - bis heute nicht!! Dafür wurde von uns die soeben zufrierende, reißende Ammer von der Echelsbacher Brücke aus fotografiert. Das Spannende dabei war: Das Eis bildete sich am Grund des Flusses zugleich wie auch vom Ufer aus. Dieser fast sensationelle, sogleich an das tiefste Alaska erinnernde Anblick wurde von einer nachfolgenden Tauperiode rasch beendet....

Wieder sind viele Jahre vergangen. Mittlerweilen helfen Elisabeth und ich gelegentlich bei der Mammendorfer Asylbetreuung aus. Und: Wir wollten einigen jungen Afrikanern aus Senegal etwas wirklich Exotisches aus unserem Land zeigen! Also wurde kürzlich eine EISTOUR angepeilt. Elisabeth, Klaus, Massata und Mor - sie alle kannten die "Schleierfälle" nicht! Schon garnicht im tiefen Winter. Und ich selbst war ganz einfach 'neugierig', ob dabei auch einige schöne Digital-Bilder entstehen könnten. So waren wir am Mo. 16.02.2015 unten an der Ammer. Anmarsch von Bayersoien - etwas mehr als 5 km Strecke. Gut gespurt - es waren sicher bereits einige Fotografen unterwegs. Schönstes Wetter. Wir trafen mäßiges Eis an. Es war gleichwohl äußerst beeindruckend, auch so, wie es sich gerade in diesem Moment zeigte. Besonders natürlich für Erstbesucher!!

(....siehe auch: SCHLAZ Nr. 122)