Verein für Höhlenkunde in München e.V.

Toni Müller

„Erstbegehungen“ ins Neuland bislang unerforschter Naturhöhlen? Heutzutage? Hierzulande? Aber ja - gerade dies!

Zweifellos ist dies zugleich einer der faszinierendsten Aspekte unserer intensiven, freiwilligen Tätigkeit im finsteren Untergrund und geheimisvollen Keller der Erde. Es hat sicher einen besonderen Reiz, in eigener Regie und Organisation, möglichst unbeeinflußt diese geradezu klassische Art einer weit verzweigten Grundlagenforschung zu betreiben. Zum Teil sogar im echten Expeditionsstil! An der Seite von zuverlässigen Gleichgesinnten und persönlichen Freunden. Bei teils schwierigen Unternehmungen, tief im Bergesinnern welche durchaus auch den Zeitraum von 8 Tagen (und mehr) überschreiten können.

Wir wollen uns hier bei diesen wenigen Zeilen auf das alpine NEULAND beschränken. Und auch hierbei nur ein Beispiel, das der Forschungen im Steinernen Meer am Königssee bei Berchtesgaden herausgreifen. Dieses Forschungsgebiet befindet sich inmitten eines Nationalparks und stellt zudem eines der wesentlichen Hauptmerkmale dieses Gebietes dar. Um hier wirkungsvoll forschen zu können, ist eine Biwak- und Forschungsgenehmigung der Nationalparkverwaltung sowie deren volle Unterstützung nötig.

Es handelt sich hierbei um ein Kalkhochplateau von mindestens 60 km² Flächenausdehnung inmitten eines als klassisch geltenden alpinen Karstgebietes. Mit allen Attributen der Karst- und Höhlenbildung in allen Bildungsphasen. In buchstäblich unendlicher Vielfalt der Landschaftsgestaltung über und auch unter der schrundigen Oberfläche!

...das macht ungeheuer neugierig!


 Als junge Forscher des Münchner Höhlenvereins 1968 begannen, das Hochplateau näher zu untersuchen, da waren damals im zuständigen Münchner / Salzburger Kataster gerade mal 34 Höhlen verzeichnet. Heute sind es sicher über 1 000 registrierte Höhlen und Schächte, mit einer geschätzten Ausdehnung von mindestens 200 km (...zusammengezählt!) Und: Viele weitere neugierige Generationen aktiver Höhlenforscher/innen werden  auch künftig aus diesem Gebiet ganz gewiß ihre zum Teil abenteuerlichen Erlebnisse / Erinnerungen mit nach Hause bringen!

Dort oben im eigentlichen Plateau sowie auch an den schroffen Flanken des Gebirges harren vielleicht weitere 1 000  bislang völlig unerforschte Naturhöhlen  in allen nur denkbaren Ausformungen und Inhaltes einer Untersuchung und detaillierten Erforschung.

Höhlen bilden schließlich als von Abwicklung umgebene Hohlräume Landschaften mit ringsum vorhandener Oberfläche von unbeschreiblicher Struktur und Vielfalt. Bis in Bereiche hinein, die uns Menschen wohl niemals direkt zugänglich sein werden. Und weiter, bis in Hohlräume welche sich in fraktalen Strukturen verlieren...

Wir haben es mit geheimnisvoll `lockenden` Hohlräumen zu tun wie in einem Land ohne Horizont, außer gelegentlich einer spiegelnden Oberfläche von einem verschwiegenen unterirdischen Gewässer. In ihrer Spiegelung nochmals alles für uns so Fremdartige verdoppelnd. Trotzdem handelt es sich hierbei um höchst reale Räumlichkeiten, deren Besuch zudem äußerste Aufmerksamkeit erfordert, ehe sie ihre enorme Vielfalt offenbaren. Als geheimnisvoll lockende Urlandschaft. Weiße Flecken des gänzlich Unbekannten inmitten unserer ach so ‘erforscht’ geglaubten Heimatländern. Und nicht etwa weit hinter dem Horizont in fernen exotischen Kontinenten. Quasi in der gespiegelten Umkehr des Begriffes für „Weiße Flecken“ - nämlich ausschließlich exakt da, wo gewiß kein natürliches Licht je existierte.... Nämlich: In der absoluten neutralen Finsternis! Genau da haben wir die weißen Flecken des Unerforschten im „Terra Incognita“, direkt vor  unseren Fußspitzen und erstmals erhellt von unseren bescheidenen Lichtkegeln. Oft bizarre Erscheinungsformen zeigend, alle bisherigen Fantasien sprengend. Den grenzenlosen Einfallsreichtum der Natur andeutend.... Zu Stein und Sediment geformt wie von tausend Bildhauern. Doch sehr an das klassische >Symbol der Gegensätze<, an Yin und Yang erinnernd. Oder: Sollten wir hier im (bislang) ewigen Dunkel des Untergrundes nicht lieber von Yang und Yin sprechen? In der neuerlichen Umkehr der Begriffe. Wir ringen hier buchstäblich um Begriffe, während uns zugleich eine große Ehrfurcht vor der Natur streift...

Also: Hier im Untergeschoß des Karstplateaus erwarten uns unglaubliche Dimensionen in Hallen / Verstürzen / Tunnel / Gängen / Klüften / engsten Passagen / Stockwerken und abgrundtiefen Schächten. Vieles davon in kilometerlanger Ausdehnung - schier unfaßbar und kaum zu ergründen.

Speziell mit dabei: Das für den Hochkarst absolut exotische und doch so vergängliche Höhleneis im unbeschreiblichen Glanz des mitgebrachten Lichtes erstrahlend. Nur für kurze Momente der Betrachtung und des Staunens offenbart. Als Klimaniederschrift über die Jahrzehntausende. Hier sind Hö-Fos mit wahren, glitzernden Palästen und Domen  konfrontiert, welche im Kleide der funkelnden Rauhreiffacetten schimmern. In unglaublicher ästhetischer Schönheit leuchtend. Unvermeidlich dabei ist: Daß auch die Äuglein der Höhlenforscher etwas davon abbehalten! Sie ‘glitzern’ schließlich ebenso seltsam trotz großer Müdigkeit auf dem langen Heimweg. Und lange Zeit danach immer noch...

Wir wollen noch ein weiteres Phänomen von großer Aussagekraft ansprechen: Die uralten Ablagerungen des Sinters sowie der gebänderten Lehmschichten und Geröllen. Ihre genauere Erforschung und Feinstanalyse erlaubt mit modernen Methoden vielfältige Rückschlüsse. Auf Klima / Geologie / Chemie / Biologie / den Wasserhaushalt - und vieles mehr. Wie in einem wertvollen „Buch der Zeiten“, Schicht für Schicht, mit den heutigen Analysemitteln immer besser lesbar. Dabei handelt es sich um wertvollste Archive welche bis zu diesem Moment ungestört lagerten und so in ihrer Aussage gänzlich unverfälscht erhalten geblieben sind. Als neue Chronologie der Epochen über Jahrhunderttausende und noch weiter zurückreichend. Tiefe Einblicke in Zeiten gestattend, als tatsächlich noch lebende Saurier über die Oberfläche des Planeten wandelten. Und als der Mensch sich erst sachte aufmachte, um den langwierigen und mühsamen Pfad seiner Entwicklung zu betreten. Welches Klima und welche vielleicht auch katastrophalen Krisen er dabei durchleben mußte, das ist in unseren Sedimentarchiven begleitend herauszulesen.

Eine höchst spannende Forschung also...


 Wir sehen: Unsere hier nur ‘gestreifte’ Hobbyarbeit berührt tausend Themen und jeder Beteiligte kann entsprechend seiner Neigungen eine Nische für seine aktive Mitarbeit finden. Ebenso wie der mehr sportlich orientierte Kletterspezialist, der sich mehr für die arg kräfteraubenden und schwierigen Schachtabstiege am dünnen Seil interessiert. Oder wie auch die Computerfreaks, welche mit Begeisterung wahre Wunderwerke in der räumlichen Erstellung von 3-D-Höhlenplänen vollbringen. Bis hin zum Paläontologen, der sich bei offiziellen Grabungen von etablierten Universitäten austoben kann. Um hier nur einige wenige Möglichkeiten zu erwähnen...

Also: Auch die aktuellen Forschungen verzweigen sich ebenso fraktal bis in die kleinsten Verästelungen der verschiedensten Themen - geradeso wie unser faszinierender Forschungsgegenstand. Nämlich: Die angewandte, praktische und sehr einnehmende Speleologie. Tausende natürliche Höhlen weltweit harren nach wie vor der Erst-Erkundung!! Und: Sehr neugierige, unverdorbene Menschen stellen sich durchaus mit großer Begeisterung dieser selbst gewählten Aufgabe.

...‘Tschuldigung - jetzt bin ich doch ein wenig ins Schwärmen geraten.

Viel Spass und ‘leuchtende’ Äuglein bei allen künftigen Unternehmungen in der angewandten Höhlenforschung - wünscht!

Toni  Müller