Verein für Höhlenkunde in München e.V.

Wir Neandertaler!

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Frühmenschen und Urvölker waren schneller und stärker als der heutige Durchschnittsmann, sogar die Frauen hatten deutlich mehr Muskelmasse zu bieten. Mit einem Neandertaler könnten es gar heutige Olympioniken nicht aufnehmen. Heute stand dies in der Zeitung, als Höhlenforscher kennen wir den Sachverhalt jedoch schon länger. Nicht umsonst haben wir, als annähernd subtroglophile Lebewesen, völlig ohne Fitnessstudio ein breites Kreuz vom Kaminklettern, einen dicken Bizeps vom Schleifsackziehen und eine beachtliche Resistenz gegen Kälte vom Durchschwimmen kalter dunkler Seen.

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Vermutlich Neuland hinter einem Versturz!

Robert wußte, wie er Zsolt und mich zu einem Samstagausflug motivieren konnte. Um im Versturz Luftzug festzustellen, besorgte ich mir - als völliger Nichtraucher - sogar eine Packung Zigaretten. Auch das absolut schlechte Wetter in München mit Dauerregen konnte Zsolt und mich nicht vor der Fahrt nach Eurasburg abhalten, wo wir Robert einluden. In einem Anfall von Warmduscherei versuchte ich, die Weiterfahrt durch sinnfreie Fragen zu unserem Netzauftritt und viel Lob für Roberts Cappuccino zu verzögern. Leider wurde mein Vorhaben durchschaut und beide drängten zum Aufbruch. Zolt wollte unbedingt seinen neu erstandenen Neo und die Füsslinge testen. Mir blieb die Hoffnung auf Schneefall in höheren Lagen, welcher wenigstens nicht ganz so naß wie Regen wäre.

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An Angerllochparkplatz zogen wir uns bei Schneefall aus und stiegen nackt in unsere Neoprenauzüge, darüber Gummistiefel und Schlaz. Durch zum Teil 30cm tiefen Neuschnee gingen wir Richtung Rastgrabenhöhle. Der Zustieg in den zweiten Eingang gestaltete sich aufgrund der rutschigen Schneeauflage im schrofigen Gelände spannend. Beim Abräumen der Griffe wurden meine Handschuhe klatschnaß und die Finger schmerzten vor Kälte. Nach Ankunft in der Höhle empfand ich die höhere Umgebungstemperatur von geschätzten 8 Grad als ausgesprochen gemütlich. Sicher ging es Frühmenschen ähnlich, wenn Sie nach Hause kamen.

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Durch einen kurzen Schacht mit neuen Haken - wer ist hier aktiv? - seilten wir in den Hauptgang und gelangten schnell zum Mittenwalder See. Es dauert ein paar Sekunden, bis das Wasser zur Haut vordringt, dann jedoch hilft nur noch Ablenkung: Schneller schwimmen, kurz unfreiwillig die Nase ins Wasser, da die Decke so niedrig ist, Ausstoßen von unverständlichen Urlauten. Der Neandertaler hätte seine Freunde gehabt! Schnell raus und die im Helm deponierten, sowie nochmals eingepackten, Zigaretten überprüft. Gut, in der Tüte sind diese trocken geblieben. Alles andere ist naß.

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Über den Versturz, den Robert untersuchen wollte, ging es zunächst zum Tauchersee. Mindestens seit 1987 kam es zu keinem gravierenden Hochwasser in diesem Gang. Gut ist noch der Schriftzug von Happy zu erkennen. Erfreulicherweise haben sich auch noch keine Vandalen im Lehm ausgetobt, so dass Spuren und Hinweise für die Forschung erhalten geblieben sind. Nach einigen Bildern in der stark zerfressenen, recht dunklen Kluft stiegen wir zurück zum und auch in den Versturz. Leider ohne jeden Hinweis auf Luftzug in diesem Bereich, es wäre auch zu einfach gewesen. Es steht als Lohn der Strapazen nun fest: Keine neue Fortsetzung, jedoch haben Zsolt und ich die Höhle erstmals gesehen. Eigentlich auch ganz nett! Beim Versuch, nach erneutem Durchschwimmen des Sees, den Wasserstrahl abzulichten, der sich beim Leeren aus Zsolts Gummistiefel ergoß, traf ein kleiner Tropfen auch die Linse der Kamera.

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Normal kein Problem, heute schon, denn es fand sich weder bei Robert, noch bei Zsolt oder bei mir auch nur irgendein Kleidungsstück, welches trocken gebleiben wäre.

Selbst die Mützen unter den Helm waren naß, nicht von der Höhle, sondern vom Schnee draußen. In Zukunft liegt ein Stück Küchenpapier in der Fotobox. Dampfend gingen wir in Richtung Ausgang und kletteren den Schacht nach draußen. Völlig duchnäßt stiegen wir zum Auto ab und zogen uns trockene Kleidung an. Seit 9 Stunden hatten wir nichts gegessen, unser Beutezug - wenn auch mit anderer Zielsetzung als Nahrungsfindung - blieb erfolglos. Gut, dass zuhause Abendessen und ein warmes Wasserbett warteten. Ich gestehe, auf beides freute ich mich.